Neulich hörte ich von Eric Carmen das Lied All by myself. Das hat mich zu folgender Kurzgeschichte inspiriert.
Ich bin ein schöner Mann. Niemals musste ich eine Frau davon überzeugen mit mir zu schlafen. Ich konnte mich kaum vor Angeboten retten und nahm diese gerne an. Egal ob schön oder hässlich, wenn es meiner Sache dienlich war, nahm ich sie alle. Bei Damen spricht man abfällig von Hochschlafen oder der Besetzungscouch, so nicht bei Männern. Ich habe dies alles mit großem Vergnügen getan. Natürlich war ich diskret. Diskretion war und ist äusserst wichtig. Ich musste niemandem beweisen, dass ich ein ganzer Mann bin, alle Welt sah und wusste es, somit konnte ich diskret sein. Eine ernsthafte Beziehung habe ich nie angestrebt, wozu? Welche Vorteile hätte mir das bringen sollen? Eine Frau konnte ich immer an meiner Seite haben, über Fortpflanzung habe ich nie nachgedacht. Ich habe nie einer Dame Hoffnung gemacht, für mich war klar, ich lebe allein.
Schon als Teenager war ich schön, mein Gesicht, maskulin smart, mit sanften Zügen, die von meinen dunklen Locken umrahmt waren. Mein Körper war muskulös, aber nicht übertrieben aufgepumpt, mein Bauch zu einem Sixpack geformt war einfach da, ohne dass ich etwas dafür tun musste. Ebenso besaß ich einen brillianten Geist, Lernen brauchte ich nicht, ich sah mir etwas einmal an und schon behielt ich es. Ich brauchte ständig Input, um mein gieriges Gehirn zufriedenzustellen.
Drei Doktortitel nannte ich mein eigen, Dr. Jur, Dr. Med und Dr. Rer nat. Es hätten noch mehr sein können, aber ich wollte anderes bewirken.
Ich praktizierte als Gynäkologe, als Chirurg, verteidigte meine Mandanten vor Gericht und forschte an neuen Methoden zur Fortentwicklung der Menschheit.
Alles natürlich mit großem Erfolg, wie ich nur am Rande zu erwähnen gedenke. Geld hatte ich mehr als genug.
Aber auch ich alterte, erstaunlich langsam. Erst im Alter von 55 Jahren entdeckte ich das erste graue Häarchen. Falten hatte ich kaum sichtbare und auch sonst blieb mein Körper jung, um jede erdenkliche Freude zu geben und zu empfangen.
Nun stehe ich am Ende meines Lebens. Vom Erfolg verwöhnt, mit einem brillianten Geist gesegnet und einem Körper, wie ihn ein römischer Gott nicht schöner hätte haben können.
Im Augenblick meines Todes sah ich den einzigen Fehler in meinem perfekten Leben und diese Erkenntnis brachte mich beinahe um den Verstand.
Ich hatte nichts getan, um diese perfekten Gene der Nachwelt zu erhalten. Ich hatte der Welt keine Kinder geschenkt.
Dieser Moment der Bitternis verdunkelte meine letzten Atemzüge auf dieser Welt und versetzten mich in nie gekanntes Grauen. Es gab nichts, absolut gar nichts was von meinem Leben an die Nachwelt übergeben würde. Ich hatte die Menschheit bereichert und ihr nun meine Perfektion entzogen. Ich hatte versagt, ein einziges Mal.